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Die Tankstelle auf dem Sockel

Traum vom 27. März 2010

„Denken Sie an Mark Twain, das macht einen intelligenten Gesichtsausdruck.“

Mit dem Auto auf einer Landstraße oder Autobahn unterwegs. Der Ältere lenkt, während ich gedankenverloren aus dem Beifahrerfenster blicke. Plötzlich kommen wir von der Fahrbahn ab! Das Auto rutscht über den Seitenstreifen, die steile Böschung – mit Steinen in Rastermuster befestigt – hinab, landet hart, aber ohne Schaden auf der weiten Wiese. Puh, das ist gutgegangen – ich befürchtete Schlimmeres. Erschrocken bin ich dennoch, denn das ist dem Älteren noch nie passiert. Er sagt nichts, wendet in weitem Bogen und wir fahren holpernd und hüpfend zurück, die befestigte Böschung wieder hinauf; voller Schwung, so dass es ausschaut, als schlügen wir mit der Fahrzeugwanne an der Kante auf. Doch auch das passiert nicht.

Jetzt erst erkenne ich die örtlichen Begebenheiten: Es ist eine Tankstelle, die auf einem gut zwei Meter hohen Sockel errichtet ist – wir waren von diesem Sockel abgekommen. Im Tankstellenbereich angekommen, warten wir – wir wollen tanken, so vermute ich. Eine neutrale Stimme – die Hilfe aus dem Tankstellen-Off – gibt mir einen Tipp: „Denken Sie an Mark Twain, das macht einen intelligenten Gesichtsausdruck. Außerdem beschleunigt es die ganze Angelegenheit!“ — Aha? Offenbar habe ich einen ziemlich dümmlichen Gesichtsausdruck drauf. Schaue ich also mal klüger, warum nicht. Obwohl … Mark Twain … warum ausgerechnet Mark Twain? — Bald verkündet die Stimme: „Das Benzin ist freigegeben!“ — Inzwischen steht das Gelände voller Fahrzeuge, die Fahrer stehen wartend daneben und beginnen nun erleichtert zu zapfen.

Eine Stimme, sie kommt von unterhalb des Daches über den Zapfsäulen, informiert darüber, warum es zu diesen Wartezeiten kommt:
„Es wurden neue Metaxa- oder Texaco-Kreditkarten ausgegeben. Diese müssen nun von den Besitzern erst einmal freigeschaltet werden. Die Freischaltung geschieht durch den ersten Tankvorgang über die Kreditkarte, die dabei dabei eingelesen werden muss, wodurch sich der ganze Tankvorgang deutlich in die Länge zieht. Deshalb hat die Tankstellenleitung beschlossen, die Zapfsäulen immer erst dann freizugeben, wenn sich ein Kraftstoffvorrat von 700 Liter angesammelt hat, so dass ein flüssiges Zapfen an allen Zapfsäulen gleichzeitig gewährleistet ist, damit es zu keinen ärgerlichen Stockungen während des Tankens kommt.“

Als ich überlege, woher denn die Autofahrer wissen sollen, wann Tanken möglich ist, erhalte ich folgende Information aus meinem Vorstellungsvermögen: Sobald sich ein Vorrat von 700 Litern angesammelt hat, erhalten alle Autofahrer auf entsprechendem Autobahnabschnitt ein entsprechendes GPS-Signal. Dann weiß jeder: es besteht die Möglichkeit zum Tanken.
Die Erklärungen leuchten ein, dennoch bleibt ein Gefühl der Stockung in mir, das ich so interpretiere, dass diese Lösung noch nicht optimal ist. Allerdings dürfte es ja eh nur ein temporäres Problem sein; wenn erst alle neuen Karten freigeschaltet sind, wird es ja keine Behinderungen mehr geben.

So, der Tank ist gefüllt! Während ich vor der Fahrertür stehe, in den Fahrgastraum meines historischen Cabrios blicke, zieht die Ältere hinter meinem Rücken die Zapfpistole aus der Tanköffnung. Doch statt es der Abschaltautomatik an der Zapfpistole zu überlassen, fummelt sie daran herum, um den Benzinfluss händisch zu unterbrechen. Wegen ihres mangelnden Fingerspitzengefühls geschieht das offenbar recht umständlich. Da ist ein Nippel an der Zapfpistole, den sie zu schließen versucht, wie einen Knipsverschluss an einer altmodischen Damenhandtasche. Das gelingt nicht gleich und da die Ältere zu sehr auf diese Feinheit konzentriert ist, bemerkt sie gar nicht, dass sie mir die Zapfpistole inzwischen durch den rückwärtigen Halsausschnitt reingeschoben hat. Lauwarme Benzintropfen rinnen meine Wirbelsäule entlang. „Hey hey, lass das mal sein!“ rufe ich genervt und mache einen runden Rücken, um mich dem zu entziehen.

Später setze ich mich wieder in das Auto des Älteren. Ganz vergnügt hat er das Armaturenbrett und den Innenraum gereinigt. Es ist wirklich viel Luft (Platz!) drin. Ich sitze auf der Rückbank und kann ungehindert bis nach vorne schauen, da keine Vordersitze im Weg sind. Der Ältere sagt etwas zu mir, doch ich höre nichts; gar nichts. Ich signalisiere ihm, er möge doch bitte die Freisprecheinrichtung einschalten. So geschieht es und nun kann ich alles verstehen.

Dann erneutes Warten. Alle Fahrzeuginsassen stehen beisammen auf dem doch recht kleinen Gelände. Ganz nahe beieinander, dabei konsequent und unbeteiligt wirkend aneinander vorbei schauend – es ist wie in einem Fahrstuhl. Ich stehe auch still, sinke dann aber ungewollt und ohne Dazutun nach hinten und in die Knie – eine Sache, die ich mir gar nicht erklären kann, die mich aber – vielleicht eben deswegen – ziemlich amüsiert, so dass ich ausrufe: „Huch, was ist nun los? Was mache ich denn da??“ Ich strecke einen Arm nach oben, erhoffe mir eine zur Hilfe eilende Hand, sehe eine Tasse mit Kaffee sich neigen … und da tropft schon lauwarmer Kaffee auf meine Haut. „Vorsicht, der Kaffee!!“ rufe ich aus. Mag aber sein, ich bin es selbst, die diese Tasse hält und den Inhalt verschüttet. Der Steinbockmann schaut grinsend auf mich herab, gibt mir seine Hand. Und während ich so ungewollt aus der Rolle falle, wirken auch alle anderen um mich her gleich viel lockerer.

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