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Die Schönheit der Sprache der Wüstenmänner

Traum von 3. April 2010

Irgendwo im Norden Afrikas. Meine Schritte werden langsamer, schließlich komme ich zum Stehen. Meine Augen sind geschlossen. Ich fühle, sehe mit den Ohren: Die Luft an diesem frühen Morgen ist klar und von milder, fast unbewegter Wärme. Wenige Schritte vor mir, dort wo eine sanfte Mulde im hellen Wüstensand, stehen einige einheimische Männer in langen hellen Gewändern, die weit hinab über ihre weiten Hosen reichen. Sie ähneln einander, mit ihrer goldbraunen Haut, den tiefen Furchen im Gesicht. Auf dem schwarz-dunkelgrauen Kraushaaren sitzen Brokatkäppchen, die Bärte wie das Haupthaar. Sie strahlen Würde aus, rufen das Savoir-vivre südländischer Boulespieler ins Gedächtnis. Im Hintergrund eine Gruppe von Fächerpalmen, deren rautengezeichneten Stämme vom Weichhaar ausgeblichen-hellbrauner Fasern überzogen sind. Weiter rechts davon stehen ein paar zufriedene Arabische Kamele. Über uns wölbt sich leuchtendes Himmelblau, das sich weiter oben und fern zu unermesslich tiefem Blau verdichtet, wodurch der fließende Übergang ins Weltall deutlich in Erinnerung gerufen wird. Im linken Augenwinkel registriere ich weiß gleißendes Sonnenlicht.

Und wie ich so die Stimmen der Männer höre, frage ich mich, wie es sein kann, dass mir deren Sprache hier so angenehm fremd vorkommt? Sie war ja in Frankfurt immer wieder gegenwärtig und damit meinem Ohr vertraut, doch dennoch erscheint sie mir hier wie neu. Woher kommt das nur? Ich versuche die Augen zu öffnen, doch die Lider liegen mit so gleichmütiger Selbstverständlichkeit – dabei ohne jede Schwere oder Kleben – vor den Augäpfeln, dass ich nicht wüsste, wie ich die Augen öffnen soll. Meinem Willen unterliegt dies anscheinend nicht, denn es müsste sich etwas rühren, da ich mich ernsthaft darum bemühe. Kann sein, dass so viel Klarheit, so viel helles Licht für meine Augen gar nicht erträglich wäre und dass die Verschlossenheit der Augen also ein ganz gesunder natürlicher Vorgang ist.

Mir wird nun aber klar, warum mir die Sprache der Männer so fremd erscheint: Die Männer sind hier in ihrer natürlichen Umgebung. Anders als in Frankfurt geben sie ihren Stimmen hier ihre ganze Freiheit. Hier braucht es weder Hemmung noch Unterdrückung aus Rücksichtnahme auf womöglich empfindliche Mitmenschen. Hier in der Natur stört sich niemand an diesen Stimmen; im Gegenteil: hier sind sie wertvoller Teil der Natur. Deshalb sind ihre Stimmen auch so entspannt und klar, können sich voll entfalten.
Ja: Die kraftvollen Stimmen der Männer – von einem samtenen Vibrieren in der Kehle untermalt, mit einem Nachklang wie perlmutternes Schimmern – erinnern unaufdringlich an die Schönheit und den Wert völlig natürlichen und ungehemmten Ausdrucks.

Am gleichen Morgen, wenige Stunden später am gleichen Ort. Meine Augen sind geöffnet, ohne dass ich mich erinnern könnte, sie aus eigener Willenskraft geöffnet zu haben. Der Anblick der Umgebung ist wie gehabt. Mit einem Unterschied: die Männer sind inzwischen fort. Es ist ganz still geworden.

Traumpfade: Der Traumort erinnert sehr an die Bilder, mit denen ich den Traum ‘Qur’an’ (Winter 2003) illustrierte, in Erinnerung. Beim Sichten projektgeeigneter Träume war ich diese Tage auch auf diesen Traum gestoßen. Die Brokatkäppchen erinnern stark an die Tuchkäppchen im Traum ‘Traumnotizen in Rot’

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Eine Antwort zu Die Schönheit der Sprache der Wüstenmänner

  1. wunderbar beschrieben. so intensive bilder. ahhh…!