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Kostenlose Kraftbrühe in Künstlerkneipe

Traum vom 5. April 2010

Ich sitze im engen Vorhof einer Kneipe, die von der vorderen Fassade her deutlich an die Kaschemme von gestern erinnert. Allerdings steht diese Kneipe in einer Altstadtgasse; zu beiden Grundstücksseiten mit haushohen Mauern begrenzt. Viele Gäste, drinnen und draußen. Ich setze mich in den Vorhof, mit Blick auf das Geschehen und theoretisch auch in das Lokal hinein, praktisch ist zu wenig Einblick möglich. Mit einem Male schlagen an der linken Wand die Fensterläden im 2. Obergeschoss schwungvoll auf. Dampf und Hitze einer sich dort befindenden Sauna entweichen und gleich darauf erscheint eine Frau in der Fensteröffnung – sie erinnert sehr an die Olivia von Popeye. „Brennt’s?“ rufe ich mit gelassener Neugier zu ihr hinauf. Sie lacht heiter auf, girrend und warm, schüttelt den Kopf: „Nein nein, hier entsteht nur jede Menge heiße Luft; die muss raus.“ — Das ist eine Tatsache, die mir stilles Vergnügen bereitet. Vielleicht auch deswegen, weil das Aufstoßen der Fenster mit spürbarer Routine geschieht – es gibt keinen Grund zur Sorge, dass es dort wirklich mal zu einem gefährlichen Hitzestau kommen könnte.

Einige der Gäste bekommen einen Teller mit dampfender Suppe serviert: in der dunklen, kräftigen Brühe schwimmt ein mürber Grießkloß von der Größe eines kleinen Brotlaibes. Eine wärmende und nährende Mahlzeit also. Der Koch setzt sich kurz zu uns auf die Terrasse, bemerkt meinen erstaunten Blick angesichts der Suppen und erklärt: „Alle, die sich keine Suppe vor dem Hauptgang leisten konnten, bekommen einen Teller Suppe auf Kosten des Hauses.“ — Oh, was für eine nette Geste! Der Koch erklärt weiter: „Eigentlich wird diese Suppe vor dem Hauptgang gegessen. Die kostenlose Suppe gibt es allerdings erst nach dem Hauptgang, um zu verhindern, dass jemand das großzügige Angebot ausnutzt, nur eine solche Suppe isst, ohne ein Hauptgericht zu bezahlen.“ — Na klar, ansonsten verließen wohl viele das Lokal mit sattem Bauch, ohne auch nur eine Kleinigkeit zu zahlen.

Während ich dieser Sache zuhöre, trenne ich eine Din-A4-Versandtasche aus sehr feinem mürben Papier auf, indem ich den Zeigefinger von innen an der Falzlinie entlangziehe. Das Papier reißt mit sehr fetzigen Kanten und leider bemerke ich erst nachdem bereits 2/3 des Umschlags aufgerissen sind, dass sich innen ein roter Faden befindet, an dem ich nur hätte ziehen müssen, um eine glatte Kante beim Aufziehen zu erhalten. Genauer gesagt sind es zwei rote Fäden. Ja, an diesem Punkt ist es eh eine lose Angelegenheit, da inzwischen die Halt gebende Unversehrtheit des Umschlages nicht mehr gegeben ist. Jetzt ist es sinnlos geworden, an einem der Fäden zu ziehen – sie liegen völlig losgelöst an ihrem Ursprung – es fehlt die notwendige Spannung.

Aus dem Umschlag ziehe ich eine Skizze, die stark an einen Comic erinnert – mit schwarzem Fineliner gezeichnet. Eine Skizze, von einem Gast hinterlassen, der während seines Aufenthalts im Lokal mit dieser Skizze eine Momentaufnahme schuf, die Einblick in die gegenwärtige Zeit gibt. Ich ziehe die Skizze ganz heraus und höre dabei, wie der Koch seinen Erklärungen etwas nachdenklich hinzufügt: „Ja, es stimmt … manchmal sind wir schon enttäuscht … wenn unsere Großzügigkeit von Gästen ausgenutzt wird.“ Doch klar ist auch: All dies ist kein Anlass, das Konzept zu ändern, denn durch die kostenlose Suppe ist das Lokal in der Region ja erst bekannt geworden. Und wenn man das rappelvolle Lokal bedenkt, so wird es sich letztlich wohl doch auszahlen.

Traumpfad: Die Skizze erinnert an Nics Schilderungen am Vortag: von einem Restaurant irgendwo in New Hampshire – mit Blick auf den Mount Washington – wo auf den Tischen, von Glasplatten bedeckt, die Werke von Künstlern ausliegen. Dabei entstand in mir eine Vorstellung, wie während des Aufenthalts im Restaurant eben solche Skizzen mit schwarzem Fineliner – Momentaufnahmen des aktuellen Geschehens – entstehen, die dann unter Glas auf den Tischen präsentiert werden.

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