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Der Lichtkäfig

„ … das sind Schriftsteller, die ihr Handwerk über Jahre gelernt haben, und als sie schließlich mit ihren fantastischen Türmen und hängenden Gärten überraschten, waren sie bereits Meister ihrer Zunft. …“ aus ‘Nonfiction schreiben’ von William Zinsser; S. 28

Traum vom 9. April 2010

Am Morgen ein Einblick in das Schlafgemach von Wilma und Alexander. Vom Licht der Morgensonne durchflutet, vom gebrochenen Weiß der Bettwäsche aufgenommen; warm. Rundum die Wände mit dem gleichen Wäschestoff umspannt – ein lichtes Liebesnest. Wilma würde Alexander zu gerne einmal zeigen, an welchem Ort sie sich aufhalten. Denn hier, im Schlafraum, ahnt man nichts. Jedoch zögert Wilma, das Bett zu verlassen und Alexander zum Mitkommen aufzufordern. Zu groß ist die Gefahr, dass dadurch alles ins Wanken gerät, oder dass es zu einem Umsturz käme! Ich betrachte den Schlafplatz jetzt von außen, und kann Wilmas Bedenken nachvollziehen.

In einem altertümlich anmutenden Raum – ganz still und verlassen wirkt er – steht eine große Bogenstehleuchte. Wie aus Gußeisen der Ständer, der am oberen Ende zu einem bogenförmigen Arm ausläuft, an dem – einem Lampenschirm gleich – der große Käfig mit dem Bett hängt. Ja, wie Gußeisen wirkt der Ständer, und der daran hängende große Kubus aus Gitterstäben – und doch empfindet man den Anblick des dunklen Materials als leicht und warm wie Holzkohle. Der Anblick lässt an einen riesigen altmodischen Vogelkäfig denken. Im Käfig innen befindet sich das große Oval aus Gitterstäben, das das Bett beherbergt. Dieses Oval ist von innen rundum mit einer Bahn lichtem Markisenstoff bespannt, so dass es richtig heimelig dort ist. Auch sieht man nichts von den Gitterstäben. Das ist es ja, was Wilma gerne Alexander zeigen würde! Sie ist so voller Dankbarkeit – eben weil ihr gemeinsamer Schlafplatz von so besonderer Art ist – man denkt doch gleich an einen hängenden Lustgarten. Welch eine Leichtigkeit, die trotz der wohl schweren Konstruktion mit diesem Schlafplatz einhergeht … der Erde enthoben, baumelnd, schwingend, wunderbar. Doch braucht es Gleichgewicht – so wie jetzt, da sie beide im Bett liegen. Was aber, sollte Wilma aufstehen und neben das Bett treten? Und womöglich Alexander noch hinzu? Kämen sie dann aus dem Gleichgewicht oder gar zu Fall? Wilma ist sich nicht sicher, würde ihr Glück zwar gerne teilen, traut sich aber nicht. So bleibt sie am Platz, in gewisser Hinsicht geradezu handlungsunfähig.

Traumpfade: Gestern – bei einem Cappuccino im Odyssee – im zuvor entliehenen Buch ‘Nonfiction schreiben’ oben zitierte Textstelle gelesen. Mir gefiel, welch merkwürdigen Bilder dabei vor innerem Auge entstanden. Mir gefielen die damit einhergehenden Gefühle, so dass ich noch zwei Mal zu der Stelle zurückblätterte, um erneut zu lesen.

Oh, welch wunderbarer Lampenschirm du bist!

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