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Alternde Marianne

Traum vom 12. April 2010

Gemeinsam mit einer zierlichen Asiatin arbeite ich in einer Fabrik: Wir müssen eine Produktionseinheit Putenfleischspieße um einen stützenden Schaschlikspieß ergänzen. Die Putenbruststücke stecken bereits auf einem urigen Metallspieß. Deshalb ist mir auch nicht ganz klar, ob wir das Holzstäbchen parallel zu dem Metallspieß oder quer zu diesem stecken sollen. Die Asiatin – übrigens eine ehemalige Klassenkameradin – macht sich keine Gedanken; ihr geht die Arbeit routiniert von der Hand. Währenddessen unterhalten wir uns über unsere früheren Klassenkameraden. Sonderbar, ich kenne weder sie noch die von ihr erwähnten anderen Mitschüler. Gerade sagt sie: „Ich glaube, wenn Gaby und J. sich heute wiedersehen, dann wird es bei ihr ganz schön schnackeln.“ — „Ach … ja?“ Nach all diesen Jahren sollte sie also Gefühle für J. entdecken, die schon damals entstanden waren, aber von ihr unbemerkt? Ich halte es für ziemlich weit hergeholt, aber ich kenne ja weder Gaby noch J.

Wenige Schritte weiter habe ich das Vorhaus in Michelbach betreten. Dort ein langer Tisch, an dem die ersten Ehemaligen sitzen. Alle drei Frauen nebeneinander auf einer Gartenbank. Die Asiatin und ich sitzen am Kopfende. Die drei Frauen schauen direkt her, ohne zu mustern. Ihre Blicke sind dennoch gezielt und bewusst. Dem Lachen völlig fern amüsiert mich ihr Anblick, denn sie sind mir wie ein Spiegel für mein eigenes Altern. Runzeln, Krähenfüße, faltige Krötenaugen hinter Brillen, die meiner nicht unähnlich sind. Die Brille der Frau ganz vorn hat sogar bemerkenswert dicke Gläser, die den Alterungseffekt noch hervorheben.Sie schaut fragend, mit lebhaftem Gesichtsausdruck, und an die Asiatin gewandt: „Wisst ihr, warum Marianne noch nicht da ist? Ich hätte wetten können, sie ist heute dabei!“ Schlagartig erheitert beginne ich mich vor Lachen zu schütteln. Keine der Frauen hat mich erkannt! Und das, obwohl ich mich ganz marianisch fühle, meinem Kern sehr nahe. Eigentlich bin ich doch ganz die Alte geblieben. Ich lache und lache, heftig aber kaum hörbar. Ich sage nichts, mein Lachen dürfte ja Antwort genug sein. Sie schauen mich verständnislos und fragend an, und ich erinnere mich: Ich (wiederer-)kenne ja auch keine von ihnen!

Später treffe ich inmitten der dunklen Masse der Ehemaligen meine Jugendliebe. Wie nehmen uns an und verlassen gemeinsam ein zutiefst ernstes Fest. Er trägt einen Anzug, so wie es meinem Animus gemäß ist. Wir legen einander die Arme um die Taille und schälen uns aus den anderen heraus, um unseren Weg fortzusetzen. Unser Gang ist etwas torkelnd – vielleicht müssen wir uns auch erst zusammenfinden – wir gehen zu einer Wand, an die er sich lehnt und dann, mit dem Rücken die Wand leicht nach unten rutschend, die Beine etwas vorstreckt, um mit mir auf eine Höhe zu kommen. Ja, war das damals nicht auch so, dass wir so geknutscht haben!? Wichtiger aber: er hält zu mir. Egal was hinter unserem Rücken gesagt wird. Und er küsst mich. Küsst mich ganz wunderbar.

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