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Der verschollene Brief

Traum vom 13. April 2010

Aufgefordert, mal wieder nach dem rechten zu sehen, öffne ich Baums Postkasten und hole einige Briefe heraus. Zwei ganz besonders schöne Briefe fallen ins Auge: ein Kuvert ist aus edlem Papier, von sehr schmaler Form, verziert mit einem sorgfältig ausgeschnitten Streifen aus braunem Tonpapier. Ein anderer Briefumschlag fällt schon dadurch auf, weil er sich so gut anfühlt: gefertigt aus dezent gefärbtem, handgeschöpftem Papier. So kostbare Briefe bekommt Herr Baum also. Und die lässt er einfach im Postkasten liegen? Na sowas; das verstehe ich nicht … — Vielleicht ist es das Gefühl des kostbaren Papiers unter meinen Fingern, das mich überhaupt hinschauen lässt; ja, das mich veranlasst, den Brief umzudrehen, um die Vorderseite zu betrachten. Fassungslos sehe ich, dass der Brief an mich adressiert ist. Mit Poststempel von ’09 / 09′. Der war wohl versehentlich in Baums Briefkasten gelandet? Ginge er sorgfältiger mit seiner Post um, hätte er mir diesen Brief wohl längst übergeben. „Schau mal“ sage ich zu Mike, „der Brief ist für mich!“ Doch Mike wirkt abwesend, sein Blick geht in eine unbenennbare Richtung. So ziehe ich den Brief vorsichtig heraus. Das Briefpapier ist gleichen Materials wie der Umschlag. Dicht beschrieben mit einer berührenden Schrift. Der Brief kommt von Wolfgang. Wolfgang?! Tatsächlich — kenne ich Wolfgang nicht — waren Wolfgang und ich uns im September bei einer Betriebsfeier begegnet, zu der Mike mich mitgenommen hatte. Da war ich auch mit Wolfgang ins Gespräch gekommen. Offenbar schrieb er mir gleich am Tag drauf diesen Brief, denn er äußert darin, wie sehr er das Gespräch mit mir genossen habe, wie gern er es wiederholen würde, wie dankbar er sei und berichtet dann auch ein wenig aus seinem Leben. Das alles in einer Form, die mich sehr berührt. Der Briefinhalt ist mindestens so kostbar wie die Form. Schlagartig wird mir klar, dass meine Antwort nun bereits seit Monaten auf sich warten lässt.

Ein kleiner Nebenraum in einem Betrieb. Ein Firmentreffen, ein Ereignis an diesem Ort steht bevor. Noch ist es ruhig. Da steht ein Computertisch. Oben drauf so etwas wie ein Monitor oder so. Hm, das lässt hoffen. Da muss doch was zu machen sein … ich hocke mich hin, um an den Schalter unter der Arbeitsfläche zu gelangen. Ich bin nicht sicher, sieht aber nach einem Schalter „0 | 1“ aus. Auf Verdacht drücke ich mal … hey, da fährt der Rechner hoch. Glück gehabt. Hm, was haben wir denn da … Etwas enttäuschend ist es schon, als einzige Medien eine Reihe von DVDs vorzufinden, die allesamt nur blöde Disney-Musicals beinhalten – sämtliche Filme beinhalten eine Reihe von Tanzeinlagen, wobei die Akteure dem jeweiligen Thema gemäss einander ähnliche Kostüme tragen, was es noch langweiliger macht. Da nichts anderes da ist, stecke ich einen beliebigen Film rein. Ein Mann und eine Frau in „Gestiefelter-Kater-Kostüm“, werfen im Wechsel die Beine hoch und kommen mit untergehakten Armen singend auf den Zuschauer zugesprungen. Beide tragen schwarze Gucklockstrumpfhosen, die wie zerrissen gestaltet wurden. Naja, das sieht ganz ordentlich aus. Aber wie langweilig das schon nach nur einer Minute ist!

Ein Mann kommt hinzu, setzt sich mir gegenüber an den Computertisch. Sofort erzählt er, dass auch er ganz viele solcher Filme zu Hause habe, denn … er müsse mir etwas ganz Wunderbares erzählen: „Anfang des Jahres, also im Januar, bin ich Vater geworden. Ich kann Ihnen sagen … ui ui uih!“ Dabei schüttelt er eine Hand, als habe er sich diese verbrannt. Aber klar, ich verstehe, so ein Baby macht ‘ne Menge Arbeit. Schon erstaunlich, dass sich dieser Mann für diese DVD-Reihe erwärmen kann – dass es überhaupt jemanden gefällt, erscheint mir geradezu unmöglich!

Bald trudeln weitere Gäste ein. Ja hey, darunter ist ja auch Wolfgang! Der mit dem Brief! Ich sehe ihn von der Seite, sein Kopf wirkt leicht gebeugt. Die dunklen Haare, das helle Gesicht – Wolfgang eben, obwohl ich ihn jetzt zum ersten Mal sehe. Am liebsten würde ich ihn jetzt sofort darauf ansprechen, meine Freude ausdrücken, meine Dankbarkeit und ihm mitteilen, dass ich morgen darauf antworten werde. Aber womöglich ist es ihm peinlich, wenn seine Kollegen dadurch mitbekommen, dass er mir einen langen Brief geschrieben hat, zudem mit persönlichem Inhalt. Nein, ich sage jetzt nichts. Aber morgen will ich sofort antworten, ihm sagen, wie sehr ich an einem Gedankenaustausch interessiert bin.

An den langen Tisch setzen sich einige der Kolleginnen, die ich offenbar auch schon mal sah, auch wenn ich sie jetzt zum ersten Mal sehe. Alles attraktive Weibchen, teils exotisch aussehend. Einen von ihnen mustert mich und meint anerkennend: „Sie haben abgenommen?!“ Oh, dass man es sieht … „Ja, dreizehn Kilo.“ antworte ich erfreut und ernte wohlwollende Blicke auf meinen Bauch, der fast flach ist. „Danke!“

Dann allein mit Mike an einer kleinen Bar in einem kleinen Nebenraum. Dort stehen zwei kleine Gläser mit Cola. Anfangs stehe ich gebeugt vor einer Couch, mir meiner eng anliegenden Kleidung bewusst, wippe mit den Po zu der wummernden Mucke, die aus dem Disco-Dunkel nebenan kommt. Ich spüre Blicke von dort, und das macht mir ein bisschen Spaß. Doch nicht lang, da wird es mir unangenehm und ich gehe zu Mike an den Tresen. Wir nehmen unsere Colagläschen, verschränken die Arme, als wollten wir Brüderschaft trinken – ich weiß in dem Augenblick, dass Hochzeitspaare es nach der Vermählung so machen – und bin in etwas ausgelassener Sektlaune, ohne Alkohol getrunken zu haben. Als dann die anderen Männer aus der Disco dazu kommen, sind sie davon überzeugt, dass in unserer Cola irgendwas Geistiges oder gar Hochgeistiges drin sein muss. Für sie ist es völlig undenkbar, wir könnten Cola einfach nur pur trinken. „Nee nee, da ist nichts drin!“ versichere ich ihnen, habe aber keine Lust, das länger zu erklären. Sollen sie glauben, was sie wollen.

Aufbruch. Das Fest ist zu Ende. Ich verabschiede mich von der Schönheit El Vidya. Ein sehr freundlicher, respektvoller Abschied, dem noch die Wiedersehensfreude nachklingt. Als ich den fast verlassenen Platz im überdachten Gartenlokal überquere, treffe ich auf zwei Männer – wie Waldorf und Statler – die nebeneinander auf einer alten schnörkeligen Bank sitzen und auf Bedienung warten. El Vidya tritt gerade den Dienst an, wird wohl gleich auftauchen. Ich schaue zu den Männern, vielleicht mögen sie schon Wünsche äußern. Tatsächlich, irgendein Gesöff mit mexikanischem Namen soll es sein. „Aber ja!“ bestätige ich mit professioneller Freundlichkeit. Keine Ahnung, welches Getränk genau das sein soll, aber El Vidya wird es schon wissen, das weiß ich. Da kommt sie mir schon schwungvoll entgegen und ich gebe den Auftrag an sie weiter.

Später sehe ich sie wieder, dort am Frankfurter Äquator – als solchen empfinde ich den Main gerade. El Vidya und die beiden Frauen in ihrer Begleitung klagen über die Kühle; schließlich hatte uns der Wetterdienst wärmere Tage versprochen. Mich wundert es aber nicht, hier am Main. Ist doch logisch. Das erkläre ich auch den Frauen, ohne gewiss zu sein, mich wirklich verständlich zu machen. Später treffen wir uns erneut an der Fischerweide, kurz bevor ich in die Steinklee einbiege. Ich bin mit dem Rad unterwegs, die Frauen mit einem Leihwagen. Wieder erzählen sie, wie sehr sie sich über die Kühle wundern. Ja ja … der Main …

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