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Schaukästen der Sprechmechanik

Traum vom 17. April 2010

Samstagmorgen. Vom Sonnenlicht geweckt. Hm? Ich bin so erschöpft, so gerädert von zu wenig Schlaf. Mike hantiert neben dem Bett herum. Verstehe, er hat die Vorhänge beiseite geschoben. Neben Mike steht Sammy, wühlt in seiner großen Plastiktragetasche herum, die prall mit seinen persönlichen Dingen gefüllt ist: selbstgezeichnete Comics, Notizzettel, irgendwo abgerissene Bilder und Schriftfetzen, wichtige Unterlagen, persönliche Papiere, Ausweise, und ähnliches. In diesem Sammelsurium sucht er nach seinem Impfausweis, den er heute benötigt. Das kann dauern, falls er das Gesuchte überhaupt findet. Ich würde gerne noch eine Stunde schlafen! “Könnt ihr nicht rausgehen?” frage ich leicht gereizt Mike. “Und die Vorhänge zuziehen!” Etwas gedankenverloren fasst Mike einen Vorhangschal, ohne diesen nennenswert vor das Fenster zu ziehen, und geht anschließend mit Sammy hinaus. Allerdings dudelt jetzt noch das Radio am Fußende. Ich springe aus dem Bett, um den Störenfried auszuschalten. Ein altes Transistorradio. Ich drehe an dem Lautstärkeknopf – kann nicht unterscheiden, ob es lauter oder leiser wird. Unter den Fingerspitzen spüre ich genau den messingfarbenen Metallstift, auf dem der Lautstärkeknopf steckt … Ich drehe, drehe und drehe … oh, da war diese feine Widerstand, wie ein Gummiband … Ich glaube, ich habe es überspannt. Da kann ich drehen, wohin ich will, an der Lautstärke ändert sich nichts. Oje, habe ich es kaputt gemacht?

Da fällt mir ein: Ich hatte einen interessanten Artikel für Sammy bereit gelegt. Ob Mike daran gedacht hat, ihm diesen zu geben? Ich trete hinaus in den Flur meiner Kindheit. Dort stehen Mike und Sammy, palavern immer noch. Bei Sammys Anblick wird mir bewusst, dass ich nur mit dem Pyjama-Oberteil bekleidet bin, ziehe an dessen Saum und ziehe es bis hinab zu den Knien – der Stoff gibt sich elastischer, als ich von Flanell erwarten würde. Und während ich den Stoff hinunter ziehe, spüre ich an den Fingerknöcheln die Härte der Oberschenkelmuskeln, was mir erst das Weiche und Flaumigzarte meiner Oberschenkelinnenseiten bewusst werden lässt. Mike nimmt mich in die Arme und schaut mich mit tiefem schüchternem Blick an. Ein zärtliches Streicheln – so unerwartet sanft. Ob ich überhaupt an den Artikel erinnern sollte? Falls Sammy sich in einer labilen Phase befindet, könnte die darin enthaltene Information mehr schaden als bereichern. Nein, ich sage jetzt nichts – Mike soll es mitnehmen und zu einem passenden Augenblick aushändigen.

Ich gehe weiter, hinüber in die Kindheitsküche. Mit dem Übertreten der Türschwelle gelange ich hinaus auf das Dach eines Hochhauses. Stählernes Blau abendlicher Dämmerung. Vom Dach des Hochhauses gegenüber startet ein Düsenflieger, greifbar nahe, fast lautlos. Da, noch einer! Sonderbar … Ist es nicht so, dass der Flugverkehr wegen der isländischen Aschewolke heute eingestellt wurde? Entweder hat sich die Lage schneller als erwartet entspannt oder — und danach sieht es aus — hier läuft eine geheime Aktion, über die die Bevölkerung aus gutem Grund nicht informiert wurde. Vielleicht bin ich zu ängst.ich. Doch da drüben auf dem Dach ist ein Radarschirm — wie ein Paraglidingschirm aus blaugrauem Metall. Er läuft auf Hochtouren. Inzwischen sind weitere Militärflieger gestartet. Alle mit der gleichen lautlosen Eleganz. Mike und Sammy wollen mit dem nächsten Passagierflugzeug nach Mühlenheim fliegen. Sehr beunruhigend, wenn man bedenkt, wie viel Militär inzwischen im Luftraum rumschwirrt.

Da bemerke ich das obere Ende eines Lüftungsschachtes mitten auf dem Dach. Da drin sitzt eine Sprecherin. Sie verliest Informationen in monotoner Tonlage und offenbar in Endlosschleife. Ein mechanisches Plappern ohne menschliche Regung. Vielleicht ist es das Mechanische, das Unberührte, das ihren Anblick so skurril erscheinen lässt. Hinzu kommt, dass irgendein Witzbold eine Projektion um sie herum errichtet hat. Und zwar um damit überzogen wiederzugeben, wie er diese Frau erlebt. So befindet sich ein großer Kasten neben der Frau. Darin ein großes und ein kleineres Antriebsrad, die beide durch einen schleifenförmig gelegten Keilriemen verbunden sind. Diese Räder sirren also in Endlosschleife; wie ein Transformator, von dem die Frau angetrieben wird. Über ihren Kopf einige Schaukästen übereinander, die den Sprechapparat in Einzelteile zerlegt zeigen:

  • ein Kasten enthält den Schlund
  • der nächste zeigt die Zunge, die ganz lang gedehnt wie in einem Windkanal flattert
  • Darüber wiederum ein Kasten mit zwei Augäpfeln; mit kreisenden Pupillen, wie psychedelische Spiralen
  • im obersten Kasten das Hirn – ratterratterratter, ohne Unterlass.

Diese Projektion ist so realistisch, so greifbar, dass man meint, die Frau sei tatsächlich Teil dieser Mechanik – so monoton, mit so fernem Blick, ohne innere Bewegung rattert sie alle Informationen immer wieder durch, wie eine Maschine. Mir wird es immer unheimlicher zumute. Es bekommt etwas Makaberes, je länger ich damit konfrontiert bin.

In der Zwischenzeit steigen weitere Düsenflieger auf. Alle vom gleichen Typ: flach wie eine Flunder, mit drei parallel verlaufenden Triebwerken. Am anderen Ende des Daches stehen Mike und Sammy am Geländer. Außer Rufweite – sinnlos, sie auf etwas hinzuweisen. Ein weiteres startendes Flugzeug fliegt direkt vor mir vorbei, greifbar nahe. Es macht einen Bogen, verliert an Höhe — oh mein Gott! — und stürzt auf das Dach des angrenzenden Hochhauses! Eine Explosion … Ich laufe los, um in Deckung zu gehen, um anschließend zu Mike und Sammy zu laufen. Merkwürdig, die erwartete Stoßwelle bleibt aus, die Explosion ist unglaublich leise, die umherschießenden Flugzeugteile kommen nicht mal annähernd in meinen Bereich. Das ist gut und beunruhigend zugleich, denn nun weiß ich gar nicht, ob ich mich in Sicherheit bringen muss oder nicht. Was soll ich tun?
Eines ist aber ganz klar: Hier stimmt was ganz gewaltig nicht.

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