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Hinüber bringen

Traum vom 20. April 2010

Diese Angelegenheit bringt mich völlig von der Rolle. Als ich zu mir komme, stehe ich in einem unbekannten Raum unter einem Dachfenster und telefoniere mit Aisha. Dabei schaue ich durch das leicht geöffnete Fenster hinaus in unbestimmte Richtung. Aisha fleht mich an: “Bringt sie doch hinüber! Bitte!!” Anfangs kann ich gar nicht antworten, doch als sie wieder und wieder inständig bittet, willige ich schließlich ein und sie sagt erleichtert: “Ich bin so froh, dass ihr sie hinüber bringt, sonst …” — Ja? Sonst? — Sie sucht nach Worten und weiß natürlich sehr genau, dass es sich geradezu verbietet, das ehrlich auszusprechen und vollendet den Satz schließlich ausweichend: “Sonst hätte es jemand anders machen müssen …” — Ah ja … Wie betäubt schaue ich aus dem Fenster, spüre nur die Spitze der verdrängten Verzweiflung. Nicht nur, dass ich mir untreu geworden bin. Nein, auch Mike hat das sicherlich so nicht gewollt. Und doch, nun da ich zugestimmt habe: Ja, ich werde es tun.

Szenenwechsel. Am hellen Tag unterwegs in Fjodors Auto – ein gelbbeige lackierter Opel Admiral aus den Sechzigern. Hier und da mit Nussbaumholz verkleidet. Fjodor ist bereits vor unzähligen Jahren gestorben – seither lag das Auto still. Nun aber, da ich die alte Rieke “hinüber bringen” soll, ist es wieder fahrtüchtig. Noch bin ich allein unterwegs und jage mit hoher Geschwindigkeit über die Autobahn. Da fällt mir etwas ein. Ich klettere vom Fahrersitz auf die Rückbank, lehne mich mit dem Bauch gegen die Rückenlehne, beuge mich hinaus zur Heckklappe, die einen Spalt breit offen steht. Einige Stangen ragen aus dem Kofferraum und verhindern das Schließen. Die Person, die das mal eingeräumt hat, wusste sicherlich, dass der Kofferraum nicht mehr zugeht und probierte es deshalb nicht anders. Dennoch suche ich nach einer anderen Lösung, denn ich es halte es für viel besser, wenn das abgeschlossen werden kann. Ich probiere und probiere. Mittlerweile ist Fjodor wie selbstverständlich hinzugekommen und wir arbeiten einvernehmlich an dieser Angelegenheit. Fjodor ist natürlich nicht wirklich anwesend, sondern mehr sein schemenhafter Geist. Es dauert eine ganze Weile, dann fällt die Heckklappe zu, die beiden Saugnäpfe, die die Teile zusammenhalten — sehr saugstarke Elektroden zu beiden Seiten — saugen sich fest. Lösen sich aber wieder und … Oh nein! Plötzlich fällt mir ein, dass das Auto schon die ganze Zeit führerlos über die Autobahn rast! Mit einem Satz springe ich in den Fahrersitz und sehe uns die Leitplanken zur Gegenfahrbahn durchbrechen. Während dieses Übergangs von dieser zu jener Seite verdunkelt es sich. Entschlossen greife ich das Lenkrad, wir sind kurz davor, die Leitplanken der Gegenfahrbahn zu durchbrechen und von der Autobahn abzukommen. Im letzten Augenblick gelingt es mir, das Fahrzeug auf die Spur zu bringen. Auf die Gegenspur. Die Fahrt geht als Geisterfahrer weiter. Wie ich von hier nach dort wechselte, zog es mich aus dem Fahrzeuginnern heraus, so dass ich körperlos von oben auf das Fahrzeug blicke. So weit es in meiner Macht steht, lenke ich das Fahrzeug aus dieser Beobachterposition weiter. Das Fahrzeug changierte vom Opel Admiral zu einem bulligen weißen Sprinter. Und mir wird bewusst, dass es sich dann um einen Leihwagen handelt. Einen Leihwagen sollte man tunlichst ohne Schäden wieder abgeben, sonst wird’s teuer. Es ist mir aber nicht möglich, auf die rechte Spur zurückzukommen. Denn die Fahrbahnen sind nach wie vor von Leitplanken und von einer Schneemauer getrennt. Diese zu durchbrechen ginge nicht ohne Schaden ab. Allerdings ist eine hohe Verkehrsdichte auf der Gegenfahrbahn. Es sieht so aus, als könne ich nicht allen ausweichen und es kommt zu vielen Fast-Karambolagen. Es muss etwas geschehen. Ich treffe eine klare Entscheidung: zurück auf die rechte Spur! Möglichst ohne Personen- oder Sachschaden. Wenn es nicht ohne geht, so muss ich was riskieren. Egal, Hauptsache, ich komme wieder zurück auf die andere Seite! Auch wenn es so aussieht, als komme es zu zöge ich mir Verletzungen zu, die sicherlich Schmerzen bereiteten. Davon bemerke ich aber nichts.

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