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Jeroldingen

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Traum vom 5. September 2010

Vor mir liegen zwei neue Kassettendecken. Mike brachte sie gestern von seinem Ausflug mit. Offenbar konnte er zwei sehr hochwertige Decken zu einem äußerst günstigen Preis erwerben. Tatsächlich ist die Qualität hervorragend, das ist bereits mit bloßem Auge zu erkennen. Sehr eng gewebte, veredelte Baumwolle im Gemisch mit Seidengarn. Gefüllt mit feinsten Daunen, an einer Seite ergänzt durch Schafwolle, vernäht zu vielen Kassetten, so dass eine gleichmäßige Verteilung der Federn dauerhaft gewährleistet ist. Schnell erkenne ich, warum diese Decken so günstig waren: sie haben eine Breite von nur einem Meter. Ich äußere meine Bedenken: „Sie sind zu schmal, um sich damit wärmend bedecken zu können.“ — „Ach was“ winkt Mike ab „man muss nur die entsprechende Lage einnehmen, dann passt das schon. Das ist alles genau richtig.“

Als Mike später fort ist, werfe ich einen eingehenden Blick auf die Verpackung. Vielleicht finde ich die Telefonnummer des Händlers oder Herstellers und kann die Decken zurückgeben. Ah ja, auf der Rückseite steht in bunten Buchstaben „Kinderland“ - eine Bettdecke für Kinder; da passt das. Weiter unten auf der Pappe steht „Jeroldingen“ - der Name des Ortes, wo diese Decken verkauft werden. Das ist mir nun ziemlich unangenehm. Mike hatte mir nicht erzählt, wohin seine gestrige Reise ging – weshalb ich davon ausgehe, dass er mir das nicht sagen wollte. Nun hat es die Verpackung verraten. Blöd, ich wollte ihm nicht nachspionieren. Aber toll: da steht sogar die Telefonnummer! Ich nehme mein Handy und tippe die Nummer ein. Nanu? Mit einem Male werde ich als eine mit wenigen Strichen gezeichnete Figur dargestellt. Da oben rechts ist ein Kreuz – mit einem Klick lässt sich die Figur sicher schließen, damit endlich die Telefonnummer eingegeben werden kann. Doch treffe ich das Kreuz nicht, sondern es entfaltet sich ein weiteres Menü mit Mädchennamen in alphabetischer Reihenfolge. Ich kann hier eine weitere Figur wählen. Ich will doch gar kein Spiel! Ich tippe mit dem Finger auf dem Screen herum, aber eine Durchwahl will und will mir nicht gelingen. Das nervt! Ich möchte diese Angelegenheit schnell klären und nun ist das alles so kniffelig.

Röntgenaufnahmen - 1888

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Traum vom 4. September 2010

Bei meinem Hausarzt. Offenbar ein Vertreter alter Zeiten oder die Zeit ist vor rund fünfzig Jahren stehengeblieben. Er hebt ein Röntgenbild hoch, betrachtet es und meint dann, fast neckend zu mir: „Sie mit ihren Gewebesäckchen!“ — Tatsächlich ist auf dem Röntgenbild im Bereich des rechten Rachens eine kleine Ausbuchtung zu erkennen. Ja, so berichtet er, bereits früher habe er ähnliches gesehen, kramt in den tiefen Schubladen seines umfangreichen Archivs herum und zieht entsprechende Röntgenaufnahmen hervor. Wieder die Röntgenaufnahme eines weit geöffneten Rachens. Doch die Aufnahme zeigt mehr: offenbar war die Erkrankung damals tödlich verlaufen, denn im unteren Bereich ist die Röntgenaufnahme des Grabsteines zu sehen. Zwar mag ich kaum hinschauen – wenn die Erkrankung tödlich war, was will er mit denn damit zeigen?? – aber ich erkenne, wenn auch unsicher, die Jahreszahl: 1888 — Vermutlich das Todesjahr. Beunruhigend, auf der anderen Seite aber auch beruhigend, denn mein Todesjahr kann es ja nicht sein. Inzwischen hält der Arzt ein weiteres Röntgenbild hoch: die Aufnahme wurde offenbar im Leichenschauhaus gemacht. Ein Fuß, mit einem Schildchen am Zeh… ziemlich makaber, was der so alles aufbewahrt… oder? Ich sitze ihm an einem langen Tisch gegenüber. Seinerseits die Arztpraxis, meinerseits ein karger Aufenthaltsraum. Gedankenverloren schraube ich die Mineralwasserflasche zu und sage mit schwacher Stimme: „Ich bin erschöpft.“ Es kommt keine nennenswerte Reaktion und ich wiederhole: „Ich bin so erschöpft, ich kann nicht mehr.“ Vielleicht hatte ich auf ein verständnisvolles Wort gehofft, jedenfalls bin ich etwas enttäuscht, als gar keine Antwort kommt. Vielleicht fehlt es ihm an Verständnis für mich, meine Situation, was weiß ich. Ich verspüre ein Bedürfnis nach Trost, nach Verständnis, ein paar Worten verbunden mit ehrlicher Zuwendung. Naja, das gibt es natürlich auch hier nicht. Das gibt’s ja eh nirgends. Der Assistent des Arztes schaut mich sehr wach an – tatenlos.

Think Pink!

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Traum vom 4. September 2010

Hunger und Durst. Bei unserer Erkundung erreichen wir ein großes Lokal, das sich rasch als eine ineinander verschachtelte Ansammlung verschiedener Cafés und Selbstbedienungs-Bäckereien. Die erwachsenen Kinder wollen nicht mehr lange umhergehen, sondern gleich hier einen Platz suchen; auch wenn es teuer ist. Ich möchte aber unbedingt schauen, ob ich hier irgendwo meine Lieblingsbrötchen ergattern kann. Ich mache mir berechtigte Hoffnungen.

Beim Durchqueren der verschiedenen Räume erweisen sich diese als etwas chaotisch organisiert. Die verschiedenen Betriebe greifen ineinander über, teils sind kleine Cafés einem abgeschlossenen Kästchen ähnlich, in größere Cafés eingebettet. So auch hier: das winzige Café bietet vier kleine Tische, durch einen schmalen Gang von einem altmodischen Holztresen getrennt. Die Wirtin rutscht auf allen Vieren und wienert den Boden. Alle Tische sind besetzt. Oje, die Arme, sie wird viel arbeiten müssen. Der Gewinn wird eher gering sein und wenn sie davon leben will… Rundum all die „großen „ Konkurrenten. Ich lasse es hinter mir, gelange an den hinteren Bereich der ganzen Anlage.

Ein großes Lokal, alle Tische sind besetzt. Zu einem guten Teil von einer Reisegruppe: dicke Negermamis, die alle die gleichen Plateaupantoletten aus rosa Lackleder tragen. Wie schön das ausschaut! Unter den Tischen all die drallen dunkelbraunen Beine und Füße in hübschem Kontrast zu dem leuchtenden Rosa. Zu blöd, dass ich meine Cam nicht dabei habe. Zu gerne hätte ich all die Füße in Rosa fotografiert, wie sie durcheinander unter den Tischen stehen. Nun werde ich sie zeichnen müssen. Das ist blöd, denn ich weiß gar nicht, ob ich das zeichnen kann. Wirklich faszinierend. Kaum dass ich meinen Blick davon lösen kann. Das Lokal hat sich übrigens auf den Ausschank von Mineralwasser spezialisiert. Und als ich mich kurz umschaue, kommt gleich eine der beiden hier Angestellten, die Wirtin selbst, auf mich zu und fragt nach meinem Wunsch. „Ein Mineralwasser, bitte“ sage ich. — „Endlich mal eine klare Ansage!“ sagt sie anerkennend und geht das Gewünschte holen. Merkwürdig… ich habe noch nicht einmal gesagt, ob „sin“ oder „con“… Ich könnte ihr hinterherrufen, aber nun – da sie mich wegen meiner Klarheit lobte – will ich nicht so unklar dastehen und sage lieber nichts. Sie kehrt zurück, drückt mir eine 0,7l-Flasche „Wasser – medium“ in die Hand und nennt den Preis. Ich krame im Portemonnaie nach der entsprechenden Euro-Münze herum. Kurze Verwirrung, ob es ein oder zwei Eurokostet. Die zehn Cent hatte ich völlig überhört. Aber egal, alles da! Nur lasse ich mir nicht anmerken, wenn etwas unklar ist, um meinem Image – von wegen Klarheit! – weiterhin gerecht zu werden. Alles andere wäre mir nun ja sehr unangenehm. Naja, und es ist immer noch ärgerlich, dass ich die Cam vergessen habe; wegen der Negermamis mit den rosa Plateauschuhen. Ich hätte wirklich in aller Ruhe Aufnahmen davon machen können. Bald darauf, an gleichem Ort, treffe ich mit den Älteren zusammen und erzähle ihnen von den Negermamis und den uniformen Schuhen. Doch kann ich dafür kein Interesse wecken.

Ich mache mich mit ihnen auf den Weg, gelange schließlich in ländliche Gegend und in eine erdige Versenkung, gut ein Morgen groß. Schwarze Erde, nass, vielleicht wurde hier mal Torf gestochen. An der Längsseite stehen meine kleine Tochter und ich. Blick zur Straße, bis zu den Schultern in der Versenkung stehend. Mit den Fingern kratze ich an der Oberfläche herum, woraufhin die Erde in feinen Schichten zu rutschen beginnt. Ich blicke mich um, zu dem Älteren, der an der gegenüberliegenden Längsseite die Erdschichten vorsichtig ablöst. Oh…welch wunderbare Erde dort zum Vorschein kommt…. So wunderbar leuchtende Gewürztöne, wie große Mengen von Gewürzpulvern: Gelbwurz, Kreuzkümmel, Chilipulver, Safran, Kardamom, Kurkuma, Koriander… Sehr gerne würde auch ich hier solche Erde freilegen – Farbpigmente in einer solchen Fülle! Doch wie enttäuschend: zwar kommt die obere Erdschicht in Bewegung, aber meine Freude beim allerersten Anblick weicht der Ernüchterung: das Farbige entpuppt sich als Strickschals, die hier wohl mal verloren und dann in der Erde verschwunden waren. Keine farbige Erde. So sage ich zu meiner Tochter: „Komm, lass uns hinüber zum Älteren gehen!“

Der Weg ist schwieriger, als anfänglich vermutet. Sumpfige Bereiche, Niveauunterschiede und kniffelige Landschaftsformen fordern Aufmerksamkeit und Balance. Um in die Versenkung des Älteren zu gelangen, müssen wir mindestens zehn Meter in die Tiefe. Zwar gibt es dort eine Feuerleiter, aber dort und auf den anderen Überbrückungen fließt das Kondenswasser über das Metall. Rutschig, wenig Halt. Gerade will ich den Abstieg in Angriff nehmen, da bemerke ich die Familie am unteren Ende der Feuerleiter. Es ist so kniffelig, wir brauchen mehr Zeit. Ich sage zu meiner Tochter: „Geh zurück, wir lassen sie erst vorbei.“ Ich möchte die Passage in Ruhe nehmen. Außerdem bin ich nicht mehr sicher, dass ich die Passage gemeinsam mit dem Kind bewältigen kann. So geht sie zurück; viele Schritte zurück. Ich höre, wie sie rückwärts in eine große Wasseransammlung fällt. Dann ist Stille. Sie erhebt sich nicht von allein. Sie kann es nicht! Vielleicht Schreckstarre. Erschrocken drehe ich mich um, sehe Mike am Straßenrand stehen, staunend und verblüfft herschauen, während ich losrenne, um sie schnell aus dem Wasser zu ziehen. Ihr Gesicht wirkt leblos, hat bereits etwas von einer Wasserleiche. Schnell, schnell! Mike hat immer behauptet, auch kleine Kinder könnten sich allein aus einer solchen Lage befreien. Er wollte mir nie glauben. In scheinbar ewig langsamen Schritten erreiche ich sie endlich, packe sie an ihrem Erwachsenen-Parka, ziehe sie aus dem Wasser und hoffe, dass es rechtzeitig genug ist.