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Posts tagged ‘Bahnhof’

Traum vom 16. Mai 2010

Merkwürdige Bahnreise durch die Finsternis. Keine Ahnung, wohin die Reise geht. Das Abteil ist, so vermute ich, Teil eines Güterwaggons – es gibt nur ein paar herunterklappbare Notsitze und sonst nichts. Die Innenwände, einst hell lackiert, sind gilb. Alles weist darauf hin, in etwas sehr Altem zu stecken. Die Stimmung unter den Mitreisenden hat etwas Bedrückendes. Es sind um die zehn versehrte Soldaten, die den Vietnamkrieg überlebt haben, in Begleitung ihrer Sanitäterin. Allen Soldaten ist eines gemeinsam: ihnen fehlt das Augenlicht. Entweder sind sie erblindet oder ihnen fehlen die Augäpfel. Einigen fehlen die Augenhöhlen mit allem drum und dran gänzlich; das Gesicht ist anstelle der Augen von gesunder glatter Haut überzogen, so als seien Augen dort nie vorgesehen gewesen. Genau kann ich es nicht erkennen, denn alle Soldaten tragen eine Augenbinde: ein aus hellem Stoff gerissener Streifen, nach doppelter Umwicklung am Hinterkopf verknotet. Die Augenbinde lässt an Justitia denken, nicht aber die Männer. Die meisten dieser Blinden sitzen in einfachen Rollstühlen und warten das Ende der Fahrt ab.

Wir nähern uns dem Bahnhof. Eine offene Durchgangstür, rechts von mir, gewährt Aussicht auf das Kommende: der Sackbahnhof liegt in völliger Dunkelheit, einzig ein paar helle Objekte oder Gestalten sind vage zu erkennen. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo das Ziel liegt, was uns hier erwartet. Aber gut, ich werde aussteigen. Zuerst machen sich die Kriegsveteranen, mit Hilfe ihrer Sanitäterinnen, auf den Weg zum Ausstieg. Dabei kommen sie nah bei mir vorbei. Innerlich ziehe ich mich zusammen, stehe mit dem Rücken zur Wand, weiche zurück, denn auch die leiseste Berührung mit einem dieser Nicht-Sehenden könnte mich in große Gefahr bringen. Sollte mich nämlich einer von ihnen spüren oder auf andere Weise wahrnehmen, so fürchte ich eine plötzliche überwältigende Attacke von ihnen. So als seien es scharfe Hunde, die sich spontan in alles verbeißen, das sich ihnen nicht freiwillig stellt oder zuwendet.

Traum vom 29. April 2010

Im Laufschritt erreiche ich den Bahnhof, halte nun aber inne, da ich noch nicht weiß, an welchem Bahnsteig mein Zug abfährt. Da alle Bahnsteige von wartenden Zügen belegt sind, fällt es schwer, einen freien Blick auf die Anzeigetafeln zu erhaschen. Anzeigetafeln und D-Züge wie Anfang der Siebziger. Da drüben, am übernächsten Gleis zeigt die Tafel ‘Eckenheim’ oder ‘Eschersheim’ an. Da ich nach einem Ort mit ‘E’ will, wird das der richtige Zug sein. Genau weiß ich ja selbst nicht, wohin ich will. Ich renne los; das dazwischenliegende Gleisbett stellt kein Hindernis dar: ich laufe so darüber hinweg. Zwei der Zugtüren sind offen, ein Sprung und ich bin drin. Kein Problem also, selbst wenn der Zug sofort abfahren sollte. Doch was ist das? Offene Türen aber keine Trittbretter? Das verwirrt mich, dieser Anblick ist so fern aller bisherigen Erfahrungen, dass ich wie gelähmt innehalte.

Traum vom 26. April 2010

Die Couch ist blau wie die Nacht.
Bleich wie Mondenschein die nackte Haut.
Auf dem Tisch ein Likörglas aus geschliffenem Kristall.
Schillernd bricht das Licht in funkelnde Sterne.

Er füllte es mit Gewürz- und Kakaopulver.
Das Kirschwasser kocht – feuchtwarmer Dampf.
Seine Augen streicheln weiblich geformtes Marzipan.
Zum ersten Mal trinken wir Cappuccino aus einem solchen Glas. (Traumverdichtung von 2004)

In meinem fremden Räumen wird es heute eine Feier geben. Die Vorbereitungen nehmen mich voll in Anspruch. Es geht voran, süß und zäh wie Likör. Meine Haare! Ich will sie schnell waschen, damit sie bis zur Feier noch trocknen können. Nackt, mit vornüber gebeugtem Kopf, die langen Haare von feinporigem Schaum zu einem Schopf gehalten, hängen vorn über. So laufe ich hinaus zur Hauptwache. Der Platz liegt im grauen Schein der im Dämmern begriffenen Vergangenheit. Mit dem Heraustreten werfe ich den Kopf schwungvoll in den Nacken, um die Haare in die richtige Spur zu bringen. Dennoch, so mit klatschnassen Haaren kann ich unmöglich weitergehen. So trete ich in das kleine stillgelegte Bahnhofsgebäude am Rande der Hauptwache. Der wichtigste Punkt in diesem Gebäude ist sicherlich die Treppe in den Untergrund. Aber es gibt auch einen Kiosk, eine Kneipe und Toiletten. Ein Mann in hellem Trenchcoat — ich kenne ihn aus den Träumen! Sah ihn anlässlich einer Suchaktion in Stadtroda — tritt fast zeitgleich mit mir in das Gebäude, jedoch eilig, wie von einer brennenden Angelegenheit getrieben, dass er mich wohl nur am Rande bemerkt, ohne mich wiederzuerkennen. Was mir sehr recht ist, wegen meiner Nacktheit, meiner shampoonierten Haare. So ist die Gefahr, dass er mich deswegen zusammenstaucht, nur sehr gering. Ich beabsichtige, in den Toilettenräumen das Shampoo aus meinen Haaren zu spülen. So geschieht es und ich laufe mit klatschnassen Haaren wieder hinaus, in ein Haus - die Zeil ist wie ein Eingang - hinein, wo die Gäste bereits an Biergartentischen sitzen. Die Stimmung ist leicht gehoben. Mir wird ein Getränk angeboten und ich bitte darum, ein konzentriertes, kaffeehaltiges Gebräu in ein Stielglas zu geben. Zur Verwunderung aller lasse ich das mit heißem Wasser aus einer Karaffe auffüllen. Ich nippe an dem Getränk … Mmh, gut! Wirklich sehr gut! Jemand schaut dann nach; vermutlich im Internet und klärt die anderen darüber auf: “Na, was glaubt ihr, Marianne hat dieses Getränk bereits auf ihrer Getränkekarte stehen.” — Ich zucke gleichmütig mit den Schultern, zeige mich absichtlich naiv, amüsiere mich nur innerlich — düdeldü … — und denke mir im Stillen: Natürlich habe ich es auf der Karte! Wäre ja schön blöd, wenn es nicht so wäre.

Traumpfade: Traumbericht Nr. 3 und Nr. 17